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So ist es wirklich, als Tatortreiniger zu arbeiten

Presse

Wenn er kommt, hat das Drama seinen Lauf längst genommen. Literweise Blut, verspritztes Gehirn, Leichen, die bis auf die Knochen zersetzt sind – Dirk Plähn ist der Mann fürs ganz Grobe. Der Tatortreiniger mit dem typischen Hamburger Slang weiß, wie man fachmännisch beseitigt, was andere nicht einmal anschauen, geschweige denn riechen oder anfassen können. Hier erzählt der 48-Jährige, wie er die ständige Konfrontation mit dem Tod aushält.


Das Schlimmste ist gleichzeitig der Normalfall: Leichen, die sechs bis acht Wochen niemand gefunden hat und die dem zähen, klebrigen Schlick im Watt am Ende weit mehr ähneln als einem Menschen. Identifizieren lassen sich solche Leichen nur noch anhand der Zähne und des Skeletts. Und man mag sich gar nicht vorstellen, was alles an übel riechender Leichenflüssigkeit in den Estrich gesickert ist, wenn von einem 150 Kilo-Mann am Ende nur noch 40 übrig sind …

„Viele Leute sagen ja, Verwesungsgeruch wäre süßlich, aber das ist nur eine Note von vielen“, weiß der Tatortreiniger Dirk Plähn. Auch nach mittlerweile sieben Jahren im Geschäft kann er diesen Geruch nicht in Worte fassen. „Die meisten fangen schlagartig an, sich zu übergeben, wenn sie eine Wohnung betreten und ihnen ein Schwall entgegenkommt. Das ist ein Geruch, der den Menschen Gefahr signalisiert und den Fluchtinstinkt auslöst.”

Anonymität als Fluch und Rettung

Rund die Hälfte aller Einsätze der Tatortreinigung Nord machen eben jene Verstorbenen aus, die wochenlang niemand vermisst hat. Und genau die sind es auch, die den Fachmann gedanklich am meisten beschäftigen. „Erst denken die Nachbarn vielleicht noch: Ach, der Herr Meier ist wahrscheinlich im Urlaub. Und dann fällt er ihnen erst wieder ein, wenn die Maden unter der Tür durchkrabbeln. Das ist die Anonymität, in der wir heute leben.“

Für seine Arbeit jedenfalls ist sie unabdingbar. Im Gegensatz zu seinem Mitarbeiter vermeidet er es strikt, sich die Fotos in den Wohnungen der Verstorbenen anzusehen oder dreht sie sogar um. „Das ist mein Selbstschutz. Ich will mir kein Bild von den Toten machen.“ Dass die längst abtransportiert sind, wenn er anrückt, ist für ihn der zentrale Punkt, der für den nötigen Abstand sorgt. „Bestatter zu sein, stelle ich mir viel schlimmer vor.“

Die körperliche Anstrengung ist enorm

„Mich wirft nichts mehr aus der Bahn“, sagt der Hamburger von sich selbst. Nicht einmal der Fall, in dem sich ein Jägersohn mit dem Gewehr in den Kopf geschossen hatte. In einem Altbau. Deckenhöhe 3,50 Meter. „Da stehst du dann acht Stunden auf deiner Leiter und kratzt Gehirnreste von der Decke.“ Unfassbar anstrengend im luftundurchlässigen Schutzanzug und vor allem der mit zwei Filtern ausgestatteten Gasmaske.

Eine Stunde darunter soll so anstrengend sein wie vier ohne, das Ganze bei 35 Grad und ach ja: Splitter der Schädelplatte erinnern optisch übrigens an Kokosnuss, aber das nur nebenbei. Bei aller Härte empfindet der Tatortreiniger seine Arbeit als sehr erfüllend. „Ich sehe ja das Vorher und Nachher, und dann ist natürlich der Dank der Angehörigen viel Wert.“ Denn sie sind es meistens, die den Spezialisten im Todesfall engagieren. Wenn es denn welche gibt …

Privat hält er sich bedeckt

Gerade in großer Runde kommt es öfter vor, dass Freunde ausplaudern, womit Dirk Plähn sein Geld verdient. Unheimlich spannend und cool stellen die Leute sich seinen Beruf vor, wozu nicht zuletzt die Grimmepreisgekrönte Serie „Der Tatortreiniger“ mit Bjarne Mädel als „Schotty“ beigetragen hat. Der Regisseur Arne Feldhusen hat sich im Vorfeld mit dem echten Tatortreiniger getroffen, um sich ein realistisches Bild von seiner Arbeit zu machen. Aber klar, am Ende hat die Figur aus der Comedy nicht mehr viel mit dem Original gemein. Einfach mal ins Wurstbrot beißen würde an einem echten Tatort wohl keiner, und natürlich spielt die Pietät eine größere Rolle. Vor allem, wenn sich etwa noch Angehörige im selben Haus aufhalten.

„Ich sag’ dann immer: Ehrlich Leute, ich steck’ euch da mal eine Stunde ohne Maske rein, dann seht ihr mal wie interessant das ist.“ Die einzige, mit der er sich manchmal privat über seine Arbeit austauscht, ist seine Frau. Eine furchtlose Jägerstochter und patent genug, um mit ihrem Mann auch einmal Fragen zu beraten, wie diese oder jene Körperflüssigkeit wohl am besten aus welchem Material zu bekommen ist.

„Am einfachsten ist frisches Blut. Für älteres braucht man zum Beispiel in Fugen schon mal bis zu acht Anläufe, um alles zu entfernen.“ Äußerst penibel und mit hochwirksamen, chemischen Reinigungsmitteln geht der Tatortreiniger vor, der in seinen Anfangszeiten noch mit Schweineblut experimentierte und immer einkalkulieren muss, dass der Tote ansteckende Krankheiten gehabt haben könnte. Als staatlich geprüfter Desinfektor weiß er aber genau, wie man möglichen HIV-Viren oder Hepatitis-Erregern den Garaus macht.

„Du weißt nie, was dich erwartet“

„Jede Wohnung ist wie ein Überraschungs-Ei“, verpackt Plähn in putzige Worte, was sich als wahrer Alptraum erweisen kann. Dabei sind es nicht die Immobilien, in denen er zum Beispiel anhand der Blutspritzer den Ablauf eines Mordes rekonstruieren kann, die ihn am meisten schrecken. Was er wirklich nicht mag, sind Messie-Wohungen. Wohnungen also, in denen jahrelang nicht mehr saubergemacht wurde, sich der Müll meterhoch stapelt und die Toilette bis zum Rand gefüllt ist. „Da stehst du erst mal wie der Ochs vorm Berg. Und du weißt ja nie, was dich unter dem Müll erwartet.“ Schimmel, Ungeziefer, Exkremente und Tierkadaver - in so einem Umfeld ist alles möglich. Acht Tonnen Müll haben er und sein Mitarbeiter Dietmar Felsen alleine aus der letzten Messie-Wohnung geschleppt.

Privat sucht er vor allem Ruhe

Wie bei allen Selbstständigen ist die Auftragslage starken Schwankungen unterworfen. „Mal passiert sechs Wochen so gut wie nichts und dann können wir uns wochenlang nicht vor Arbeit retten.“ Allerdings: „Gestorben wird immer, das ist das Einzige, was sicher ist auf diesem Planeten.“ Angst vor dem Tod hat der Tatortreiniger schon lange nicht mehr. Nur davor, dass er mit Schmerzen einhergehen könnte. Der ehemalige Fachmann für Computer-Reinigungen ist glücklich mit seinem Beruf, zu dem ihn 2009 ein TV-Bericht über Tatortreiniger in den USA gebracht hat.

Heute sagt er: „Etwas anderes kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Ich fühle mich gut mit der Geschichte und ich bin mein eigener Chef.“ Zusammen mit seiner Frau lebt er gut 40 Kilometer außerhalb von Hamburg, in seiner Freizeit sucht er ganz bewusst die Ruhe. Am besten entspannt er sich beim „Buddeln im Garten“, wo er mitten im tiefsten Norddeutschland Palmen und sogar Bananen anpflanzt. „Beruflich entferne ich den Tod. In meiner Freizeit ziehe ich das Leben hoch.“

(Autorin & Interview: Ann Catherin-Karg / Bilder: Getty Images)


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